Wenn Kinder lernen, den Unterschied zwischen Meinung und Fakt zu verstehen
Immer wieder erlebe ich in der Familienberatung, wie wichtig es ist, dass Kinder früh lernen, zwischen Meinungen und Fakten zu unterscheiden. Viele Konflikte im Familienalltag entstehen nicht, weil jemand falschliegt, sondern weil unterschiedliche Wahrnehmungen miteinander vermischt werden. Kinder müssen erst lernen, dass Gefühle, Gedanken und Beobachtungen nicht dasselbe sind.
Diese Fähigkeit ist eine der grundlegendsten Kompetenzen für ein gesundes soziales Miteinander. Sie schützt Kinder vor Unsicherheiten, stärkt ihre emotionale Reife und hilft ihnen, sich selbst und andere besser zu verstehen.
Warum dieser Unterschied so wichtig ist
Kinder erleben die Welt zunächst sehr subjektiv. Ein Gedanke fühlt sich für sie oft absolut an. Wenn ein Kind sagt Alle sind gemein zu mir bedeutet das nicht, dass dies objektiv stimmt, sondern dass es sich in diesem Moment verletzt oder überfordert fühlt.
Wenn Eltern diese Sätze wörtlich nehmen, entsteht häufig Missverständnis. Wenn Eltern sie hingegen einordnen können, entsteht Verbindung.
Kinder, die lernen, zwischen Meinung und Fakt zu unterscheiden, entwickeln wichtige Fähigkeiten. Sie lernen Konflikte fairer auszutragen. Sie lernen ihre Gefühle besser einzuordnen. Und sie lernen, die Perspektive anderer Menschen ernst zu nehmen.
Wie du dein Kind dabei unterstützen kannst
1. Benenne den Unterschied klar und freundlich
Sag zum Beispiel: Ich höre, dass du das so empfindest. Das ist deine Meinung und die darf sein. Der Fakt ist jedoch ein anderer.
Damit machst du deutlich, dass die Gefühle des Kindes wichtig sind, ohne die Realität zu verzerren.
2. Stelle neugierige Fragen
Fragen wie Was genau ist passiert oder Was fühlst du gerade helfen Kindern, zu sortieren. Sie merken: Es gibt das, was passiert ist, und es gibt meine Wahrnehmung dazu.
3. Gib deinem Kind Sprache für Gefühle
Kinder, die Gefühle benennen können, müssen sie weniger dramatisieren. Dadurch verschwinden Sätze wie Niemand mag mich nach und nach und werden ersetzt durch Ich fühle mich heute unsicher oder Ich bin verletzt.
4. Zeige, wie Erwachsene damit umgehen
Wenn Kinder hören, wie du sagst Meiner Meinung nach ist das so und so wäre für mich der Fakt wichtig, lernen sie automatisch. Kinder orientieren sich an Vorbildern, nicht an Erklärungen.
5. Unterstütze dein Kind darin, Perspektiven zu wechseln
Frage: Was denkst du, wie das für die andere Person war. Das fördert Empathie und hilft, Situationen objektiver zu betrachten.
Wenn alte Muster bei Eltern aktiv werden
Viele Erwachsene haben selbst nie gelernt, zwischen Meinung und Fakt zu unterscheiden. Oft wurden Gefühle früher als Fakten behandelt, Themen wie Sei nicht so oder Stell dich nicht so an haben die eigene Wahrnehmung verunsichert.
In der Familienberatung geht es deshalb oft darum, zuerst die Eltern zu stärken. Denn wer sich selbst gut einordnen kann, kann auch seinem Kind Orientierung geben.
Mein persönliches Fazit
Der Unterschied zwischen Meinung und Fakt ist ein Schlüssel zu gesunden Beziehungen. Kinder, die das verstehen, lernen Verantwortung für ihre Gefühle zu übernehmen, ohne sie zu verleugnen. Sie lernen, ehrlich zu kommunizieren und gleichzeitig respektvoll zu bleiben.
Und genau das brauchen sie für ihr ganzes Leben.
Kleiner Impuls für deinen Alltag
Wenn dein Kind das nächste Mal etwas sehr Absolutes sagt wie Immer passiert das mir oder Ich kann das nie, antworte mit Ruhe: Ist das ein Gefühl oder ein Fakt. Diese kleine Frage öffnet Türen zu Selbstreflexion und innerer Stärke.
Herzlichst
Michelle
Ohana Beratung