Wenn Liebe ankommen soll: Über die fünf Sprachen der Liebe bei Kindern
„Ich zeige meinem Kind doch jeden Tag, wie sehr ich es liebe. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, es kommt gar nicht an." Solche Sätze höre ich in der Beratung oft. Und dahinter steht selten zu wenig Liebe. Meistens steht dahinter etwas anderes: Wir sprechen unsere Liebe in einer Sprache aus, die unser Kind vielleicht nicht am besten versteht.
Dieser Beitrag ist für alle Eltern, die sich fragen, wie ihre Liebe wirklich beim Kind ankommt. Und für alle, die spüren, dass zwischen Geben und Ankommen manchmal ein feiner Unterschied liegt.
Was sind die fünf Sprachen der Liebe?
Das Konzept geht auf den amerikanischen Paar- und Familienberater Gary Chapman zurück, der es später gemeinsam mit Ross Campbell auf Kinder übertragen hat. Die Grundidee ist einfach und zugleich sehr hilfreich: Menschen fühlen sich auf unterschiedliche Weise geliebt. Was für die eine Person selbstverständlicher Ausdruck von Zuneigung ist, berührt eine andere kaum, während etwas ganz anderes ihr Herz erreicht.
Chapman beschreibt fünf solcher „Sprachen". Jeder Mensch versteht meist alle ein bisschen, aber eine davon spricht besonders tief zu ihm. Bei Kindern ist das nicht anders. Wenn wir die bevorzugte Sprache unseres Kindes kennen, können wir es dort erreichen, wo Liebe für dieses Kind am spürbarsten ist.
Die fünf Sprachen im Überblick
Anerkennende Worte
Für manche Kinder sind Worte das Wichtigste. Ein „Ich bin stolz auf dich", ein ehrliches Lob, ein liebevoller Zuspruch. Diese Kinder blühen auf, wenn sie hören, dass sie gesehen werden. Umgekehrt treffen harte oder abwertende Worte sie besonders tief und bleiben lange haften.
Ungeteilte Zeit
Andere Kinder spüren Liebe vor allem dann, wenn wir wirklich da sind. Nicht nebenbei, nicht mit dem halben Blick aufs Handy, sondern ganz. Gemeinsam spielen, zuhören, etwas zusammen tun. Diese Kinder fragen oft: „Spielst du mit mir?" Und was sie eigentlich meinen, ist: „Bist du für mich da?"
Kleine Geschenke
Bei dieser Sprache geht es nicht um Materielles oder um teure Dinge. Es geht um die Geste dahinter. Ein Kind, das diese Sprache spricht, hebt den bemalten Stein auf, freut sich über die gepflückte Blume und bewahrt kleine Mitbringsel wie Schätze auf. Das Geschenk ist ein sichtbares Zeichen: Ich habe an dich gedacht.
Hilfsbereitschaft und Unterstützung
Manche Kinder fühlen sich geliebt, wenn wir ihnen etwas abnehmen oder tatkräftig zur Seite stehen. Beim schwierigen Reissverschluss helfen, das Velo reparieren, bei den Hausaufgaben unterstützen, wenn sie nicht weiterkommen. Diese Kinder erleben Fürsorge als konkrete Handlung. Unser Tun sagt ihnen: Ich stehe an deiner Seite.
Körperliche Nähe
Für andere Kinder ist Berührung die deutlichste Sprache der Liebe. Umarmungen, Kuscheln, Händchenhalten, das Kind, das sich an einen schmiegt. Diese Kinder suchen von sich aus Nähe und tanken über den Körperkontakt auf. Fehlt diese Nähe über längere Zeit, fühlen sie sich schnell allein.
Woran erkenne ich die Sprache meines Kindes?
Kinder verraten uns ihre bevorzugte Sprache meist ganz von selbst, wenn wir aufmerksam hinschauen.
Ein Hinweis ist, wie das Kind selbst Liebe zeigt. Das Kind, das ständig gemalte Bilder verschenkt, spricht vielleicht die Sprache der kleinen Geschenke. Das Kind, das gerne kuschelt, zeigt darüber, was ihm selbst guttut.
Ein zweiter Hinweis ist, worum das Kind am häufigsten bittet. „Schau mal, was ich gebaut habe", „Kommst du mit mir raus", „Nimmst du mich in den Arm". In diesen kleinen Bitten steckt oft die eigentliche Sehnsucht.
Und ein dritter Hinweis ist, was das Kind am meisten vermisst oder was es besonders verletzt. Wenn ein Kind immer wieder traurig ist, weil zu wenig gemeinsame Zeit bleibt, dann sagt uns das etwas Wichtiges über seine Sprache.
Bei kleinen Kindern ist die Hauptsprache oft noch nicht klar erkennbar. Hier hilft es, alle fünf Sprachen grosszügig zu sprechen. Mit den Jahren zeigt sich dann immer deutlicher, was das Kind am tiefsten berührt.
Was kann frau tun?
In der Sprache des Kindes lieben, nicht nur in der eigenen
Wir alle neigen dazu, Liebe so auszudrücken, wie wir sie selbst am liebsten empfangen. Ein Elternteil, dem Worte wichtig sind, lobt viel. Ein Elternteil, dem Nähe wichtig ist, umarmt oft. Wertvoll wird es, wenn wir uns fragen: Was braucht mein Kind, nicht was fällt mir selbst am leichtesten?
Alle fünf Sprachen im Alltag pflegen
Auch wenn ein Kind eine Hauptsprache hat, tun ihm alle fünf gut. Sie sind wie verschiedene Zugänge zum selben Herzen. Ein reicher Alltag spricht von jeder Sprache etwas.
In schwierigen Momenten die Verbindung halten
Gerade nach einem Streit oder einer Grenze ist es hilfreich, die Sprache des Kindes bewusst einzusetzen. Ein tröstendes Wort, eine Umarmung, ein gemeinsamer Moment. So spürt das Kind: Auch wenn es gerade anstrengend war, bleibe ich mit dir verbunden.
Sich selbst nicht unter Druck setzen
Es geht nicht um Perfektion und auch nicht darum, alles richtig zu machen. Es geht um ein feineres Hinhören. Schon kleine Verschiebungen im Alltag können viel bewirken, wenn sie die Sprache treffen, die das Kind wirklich versteht.
Ein Wort zum Schluss
Liebe, die wir geben, und Liebe, die ankommt, sind nicht immer dasselbe. Das ist keine schlechte Nachricht, im Gegenteil. Es bedeutet, dass wir etwas tun können. Dass wir lernen können, unser Kind dort zu erreichen, wo es sich am meisten geliebt fühlt.
Kinder, deren Herz auf ihre eigene Weise erreicht wird, tragen etwas Wichtiges in sich: die tiefe Gewissheit, gewollt und wertvoll zu sein. Aus dieser Gewissheit heraus wachsen sie, erkunden die Welt und kehren immer wieder zu uns zurück.
Wenn Sie mögen, beobachten Sie in den nächsten Tagen einmal, in welcher Sprache Ihr Kind Liebe zeigt. Oft liegt die Antwort näher, als man denkt. Und wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie dabei Begleitung brauchen, melden Sie sich gerne.
Herzlichst
Michelle
Ohana Beratung