Interview mit Elena Retica - AuDHS Coach

Im Gespräch mit Elena Retica tauchen wir in die Welt von AuDHS ein – der Verbindung von ADHS und Autismus – und erfahren, warum dieses Thema für sie weit mehr als nur ein Beruf ist. Als Coach und selbst betroffene Mutter begleitet sie Menschen und Familien mit viel Erfahrung, Fachwissen und persönlichem Engagement. Im folgenden Interview teilt sie ihre Perspektiven, Erkenntnisse und wertvolle Impulse für den Alltag. Vielen Dank, liebe Elena, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast.

1. Liebe Elena, du begleitest in deiner Arbeit viele Menschen mit ADHS, ASS und AuDHS. Was hat dich persönlich dazu bewegt, genau diesen Schwerpunkt zu wählen? Und inwiefern berührt dieses Thema auch dein eigenes Leben?

Das Thema Neurodivergenz beschäftigt mich seit ca. 6 Jahren als mein Sohn mit 5jährig die ADHS Diagnose bekam. Da habe ich begonnen mich mit dem Thema auseinanderzusetzen und gründete dann kurz danach via ELPOS eine Gesprächsgruppe für Eltern betroffenerer Kinder. Vor drei Jahren kam bei meinem Sohn dann die Autismus Diagnose dazu und so fing ich auch an mich mit dem Thema Autismus und AuDHS zu beschäftigen. Dann entschloss ich mich ein CAS zu machen im Autismus und ADHS Coaching und eröffnete im März 2025 meine Praxis. Im Herbst 2024 wurde ich dann auch selbst mit ADHS diagnostiziert. 


2. In deiner Arbeit begegnest du Menschen oft in herausfordernden Lebensphasen. Was sind typische Situationen oder Wendepunkte, in denen Klient:innen den Weg zu dir finden?

Oft sind es Eltern deren Kinder in Kindergarten/Schule auffallend sind oder Kinder die dann eben zuhause auffallen und die Eltern dann durch die Schule oder Kinderarzt schon mit dem Wort ADHS in Kontakt kommen. Oder die Kinder haben bereits eine Diagnose und die Eltern möchten genauer wissen, wie sie den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden können und sind auch an Psychoedukation interessiert.

Bei betroffenen Erwachsenen kommen viele die schon an Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) leiden oder schon etliche Erschöpfungszustände gehabt haben und dann irgendwann das Wort Autismus oder ADHS gefallen ist. Sie möchten ADHS, AuDHS, Autismus besser verstehen und lernen damit umzugehen. Ich habe aber auch Erwachsene die mit dem Verdacht kommen neurodivergent zu sein. Wir schauen uns dass dann genau an und wenn nötig vermittle ich ihnen dann auch eine gute Diagnostikstelle.


3. Woran können Familien erste Anzeichen für ADHS, ASS oder AuDHS erkennen – besonders bei Kindern, die nicht den „typischen“ Mustern entsprechen?

Anzeichen für Neurodivergenz findet man oft schon im Baby oder Kleinkindesalter. Kinder die sehr viel Nähe brauchen oder eben sehr wenig Nähe. Babies die oft schreien. Spätes Trockenwerden. Schlafprobleme. Sprachverzögerung oder eben sehr gute Fähigkeiten zu reden. Häufige respiratorische Infekte. Schwierigkeiten mit Übergängen. Schwierigkeiten mit anderen Kindern zu spielen. Kinder die nach der Kita oder Schule zuhause emotional dann auffällig sind und Meltdowns haben. Motorisch sehr unruhige Kinder. Oder eben sehr scheue Kinder. 



 4. Gerade im familiären Alltag entstehen durch ADHS oder ASS oft Spannungen und Missverständnisse. Was erlebst du hier am häufigsten und was hilft Familien, wieder mehr Verständnis füreinander zu entwickeln?

Konflikte mit den Geschwistern, das ist ein sehr häufiges Thema. Kinder die nicht ``gehorchen``und die Eltern denken das Kind sie am provozieren und macht es absichtlich.  Jedes Verhalten macht Sinn sag ich immer. Viele Kinder drücken sich mit dem Verhalten aus. Genauer hinzuschauen, wieso reagiert mein Kind so? Was braucht es in diesem Moment? Sich für die Interessen des Kindes interessieren, Beziehungsaufbau. Beziehung vor Erziehung ist mein Motto. Dysregulierte Eltern = Dysregulierte Kinder. Co Regulation ist sehr wichtig. 



5. Wie können Eltern allen Kindern gerecht werden, wenn eines besondere Bedürfnisse hat, ohne dass sich Geschwister übersehen oder benachteiligt fühlen?

Wichtig finde ich die Aufklärung der Geschwisterkinder. Mein Bruder hat ADHS, was bedeutet das? Was hat er für Stärken? Was fällt ihm schwer? Kinder können sehr verständnisvoll sein. Ich rate auch ab und zu was alleine mit dem Geschwisterkind zu unternehmen, Mami und Tochter Tag, Papi und Sohn Tag oder umgekehrt. Quality Time alleine mit Mami oder Papi. 



6. Kannst du ein konkretes Beispiel aus deiner Praxis teilen, bei dem sich durch ein besseres Verständnis von ADHS/ASS eine Familiendynamik spürbar verändert hat?

Kind 8 jährig mit Autismus und PDA Profil. Vater Polizist und selbst autoritär erzogen. Mutter sehr verständnisvoll und versteht die Bedürfnisse des Sohnes intuitiv. Es kam sehr oft zu Spannungen zwischen dem Sohn und dem Vater. Vater sah Verhalten des Sohnes als Provokation und war der Meinung die Erziehung müsse strenger sein. Nach zwei Elternberatungen bei mir wo wir wirklich angeschaut haben was die Diagnose bedeutet und wie wichtig Co Regulation und Panda Strategien sind, hat sich die Situation daheim sichtlich entspannt. 



7. Viele Betroffene – besonders Frauen – erhalten ihre Diagnose erst spät. Was bedeutet eine solche späte Erkenntnis für die eigene Identität und das Selbstbild?

Viele der Frauen haben sich seit der Kindheit angepasst. Sie wurden gelobt wenn sie ruhig waren und gehorchten oder wurden nur gelobt wenn sie gute Noten nachhause brachten. Im Erwachsenenalter leiden sie dann oft unter Erschöpfung weil sie sich ihr Leben lang angepasst haben. Masking auf Dauer führt zu einem Burnout oder anderen Erkrankungen wie Depression zum Beispiel. Viele verknüpfen den Selbstwert an die Leistung. Nur wenn ich was leiste bin ich gut genug. Viele der Frauen wissen gar nicht mehr was ihnen gut tut und was ihnen im Leben Freude macht. Sie wurden zu People Pleasern und möchten es allen recht machen, inklusive Ehemann und Familie. 



8. Du arbeitest eng mit Menschen an ihren individuellen Strategien. Was sind aus deiner Sicht kleine, aber wirkungsvolle Veränderungen, die im Alltag von Familien oder Paaren einen großen Unterschied machen können?

Sich respektvoll zu begegnen und immer auch hinter das Verhalten der anderen Person zu schauen. Sich mehr Verständnis entgegenzubringen. Selbstfürsorge ist ein grosses Thema. Lebt das euren Kindern vor, das ist sehr wichtig. 



9. Wenn jemand gerade erst beginnt, sich mit ADHS, ASS oder AuDHS auseinanderzusetzen – vielleicht verunsichert oder überfordert ist: Was möchtest du diesen Menschen und ihren Familien mit auf den Weg geben?

Neurodivergente Menschen haben so viele Stärken. Wir müssen aufhören alles so defizitär zu sehen. Autismus und ADHS sind keine Krankheiten. Informiert Euch über die Diagnose. Es gibt tolle Podcasts, Bücher, Social Media Accounts die aufklären. Scheut Euch nicht Hilfe anzunehmen, sei es von Fachpersonen oder von Familie und Freunden. 

Vielen Dank, liebe Elena, für dieses bereichernde und spannende Interview.

Weitere Infos zu ihrer Arbeit, Terminbuchungen und Inputs findest du unter: https://www.audhs-coaching.ch/

Herzlichst

Michelle

Ohana Beratung

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