Alte Muster sind keine Feinde: Über unsere inneren Schemata und den Umgang mit ihnen
„Ich weiss genau, dass ich das nicht mehr will. Und trotzdem mache ich es immer wieder." So oder ähnlich klingt es, wenn Menschen in der Beratung von ihren eigenen Mustern erzählen. Auf die Erkenntnis folgt fast immer ein Vorwurf an sich selbst. Warum falle ich schon wieder in dasselbe Verhalten? Warum reagiere ich so, obwohl ich es doch besser weiss?
Dieser Beitrag ist für alle, die solche wiederkehrenden Muster an sich kennen. Und für alle, die vielleicht schon lange versuchen, sie loszuwerden, und dabei entdecken, dass genau dieses Kämpfen nicht weiterführt.
Was sind Muster und Schemata?
Muster sind tief eingeschliffene Arten, zu fühlen, zu denken und zu reagieren. Sie laufen meist automatisch ab, oft schneller, als unser Verstand mitkommt. Vielleicht ordnen Sie sich selbst immer unter. Vielleicht erwarten Sie innerlich stets Zurückweisung. Vielleicht ziehen Sie sich zurück, sobald jemand Ihnen zu nahe kommt, oder strengen sich unaufhörlich an, um sich wertvoll zu fühlen.
Der Psychologe Jeffrey Young, Begründer der Schematherapie, hat für solche tief verankerten Muster den Begriff der Schemata geprägt. Er beschrieb, dass sie meist früh entstehen, oft in der Kindheit, wenn wichtige emotionale Bedürfnisse nicht ausreichend erfüllt wurden. Einmal gebildet, wiederholen sie sich über Jahre hinweg, fast wie eine eingespielte innere Melodie.
Warum wir sie haben: ihre Funktion
Hier liegt ein Gedanke, der vieles verändern kann: Unsere Muster sind keine Fehler. Sie waren Lösungen.
Ein Kind, das gelernt hat, dass es geliebt wird, wenn es brav und angepasst ist, entwickelt daraus vielleicht das Muster, sich selbst immer zurückzunehmen. Ein Kind, das oft enttäuscht wurde, schützt sich womöglich, indem es früh nichts mehr erwartet. Diese Strategien waren damals klug. Sie halfen, dazuzugehören, Schmerz zu vermeiden, Sicherheit zu finden in einer Situation, die man sich nicht ausgesucht hatte.
Dazu kommt: Unser Gehirn liebt es, Dinge zu automatisieren. Muster sparen Energie. Sie geben Vorhersehbarkeit und ein Gefühl von Halt. Was uns heute im Weg steht, hat uns früher oft das Überleben erleichtert. Unsere Muster verdienen deshalb nicht Verachtung, sondern eher Respekt für den Dienst, den sie einmal geleistet haben.
Warum das Ziel nicht ist, sie loszuwerden
Viele Menschen kommen mit dem Wunsch, ein Muster endlich abzulegen, als könnte man es einfach herausschneiden. Doch so funktioniert es nicht, und das aus mehreren Gründen.
Zum einen sind Muster ein Teil unserer Geschichte. Sie einfach zu löschen, würde bedeuten, ein Stück von sich selbst zu verleugnen. Zum anderen erzeugt der Kampf gegen sich selbst oft nur neue Scham und einen inneren Krieg. Und schliesslich verstärkt das Unterdrücken ein Muster häufig sogar, ähnlich wie ein Ball, den man unter Wasser drückt und der umso heftiger wieder hochschnellt.
Das eigentliche Ziel ist deshalb kein Verschwinden, sondern eine neue Beziehung zu unseren Mustern. Mehr Bewusstheit, mehr Wahlfreiheit. Nicht „Ich muss diesen Teil von mir bekämpfen", sondern „Ich lerne, ihn zu erkennen und freier mit ihm umzugehen."
Wenn Muster uns im Weg stehen
Zum Thema werden Muster dann, wenn eine alte Lösung nicht mehr zur heutigen Wirklichkeit passt. Der Schutz, der das Kind einst brauchte, engt den Erwachsenen heute ein. Wer als Kind gelernt hat, sich unsichtbar zu machen, um sicher zu sein, verpasst als Erwachsener vielleicht Nähe und Sichtbarkeit, die eigentlich möglich und erwünscht wären.
Der erste Schritt zur Veränderung ist deshalb nicht das Loswerden, sondern das Erkennen: zu bemerken, wann ein altes Muster gerade wieder anspringt.
Wie kann frau damit umgehen?
Erkennen und benennen
Veränderung beginnt mit Aufmerksamkeit. Es hilft, das Muster im Moment zu bemerken und ihm freundlich einen Namen zu geben: „Ah, da ist wieder mein alter Rückzug." Schon dieses Innehalten schafft einen kleinen Abstand und damit Raum.
Die Herkunft verstehen
Zu erkennen, woher ein Muster kommt und was es einmal geschützt hat, verändert den Blick. Aus „Was stimmt nicht mit mir?" wird „Ah, das ergab damals Sinn." Verstehen entlastet.
Mit Mitgefühl begegnen, nicht mit Scham
Hinter jedem Muster steht oft ein jüngeres Ich, das damit einen Weg gesucht hat, mit etwas Schwierigem umzugehen. Diesem Teil mit Wärme statt mit Härte zu begegnen, ist einer der heilsamsten Schritte überhaupt.
Fragen, ob es noch passt
Eine hilfreiche innere Frage lautet: Diente mir das früher, und dient es mir auch heute noch? Manchmal lautet die Antwort ja. Manchmal wird spürbar, dass eine alte Lösung ein neues Problem geworden ist.
Kleine neue Erfahrungen wagen
Muster verändern sich nicht durch Nachdenken allein, sondern durch neue Erfahrungen. Ein kleiner, mutiger Schritt in eine andere Richtung, ein einziges Mal etwas anders machen, kann mehr bewirken als jede Einsicht. Solche neuen Erfahrungen dürfen klein und behutsam sein.
Geduld mitbringen
Muster sind wie tiefe Rillen, die sich über Jahre gebildet haben. Ein neuer Weg entsteht nicht über Nacht, sondern durch viele kleine Wiederholungen. Sich dabei selbst freundlich zu begleiten, ist keine Nebensache, sondern der Kern.
Begleitung suchen
Wenn Muster tief sitzen, schmerzhaft sind oder sich mit eigenen Mitteln kaum bewegen lassen, kann eine schema- oder tiefenorientierte Begleitung viel öffnen. Sich dabei unterstützen zu lassen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstfürsorge.
Ein Wort zum Schluss
Wir müssen unsere Muster nicht bekämpfen. Wir dürfen sie kennenlernen, verstehen und mit ihnen Frieden schliessen. Freiheit bedeutet nicht, keine Muster mehr zu haben, das ist gar nicht möglich. Freiheit bedeutet, in dem Moment, in dem ein altes Muster anspringt, immer öfter wählen zu können, ob wir ihm folgen oder einen anderen Weg gehen.
Jeder Teil von uns, auch der scheinbar unbequeme, hat einmal versucht, uns zu schützen. Wenn wir ihm mit Neugier und Mitgefühl begegnen, statt mit Ablehnung, verliert er nach und nach seine unbewusste Macht. Nicht, weil er verschwindet, sondern weil wir freier mit ihm umgehen.
Wenn Sie merken, dass ein altes Muster Sie immer wieder einholt und belastet, melden Sie sich gerne. Gemeinsam lässt sich ein liebevollerer und freierer Umgang damit finden.
Herzlichst
Michelle
Ohana Beratung